In der ersten Dezemberwoche weicht Dan Flavins "untitled (for Ksenija)" (1994) im Kunstbau ortsspezifischen akustischen Arbeiten von Studierenden aus dem Programm "Sound und Experiment" von Florian Hecker (Bayerisches Spitzenprofessurenprogramm – Akademie der Bildenden Künste München).
Nach dem Erlöschen des Flavinschen Lichtraums manifestieren sich diese Arbeiten im Raum als hör- und spürbare Präsenz. Aus dem Zusammenspiel von direktem Schall und vielschichtigen Resonanzen entstehen temporäre Erfahrungsräume, die die sensorische Wahrnehmung des Raums ebenso erweitern wie die Selbstwahrnehmung der Besuchenden.
Der Kunstbau, durch achtzehn Pfeiler in zwei Schiffe gegliedert, verfügt über eine Rampe und eine im hinteren Teil eingefügte Rotunde mit Treppe, wobei die ursprüngliche Form des Ingenieurbaus nahezu unverändert erhalten blieb. Der Raum folgt einem länglichen, leicht gebogenen Grundriss mit einer Fläche von etwa 1.590 m², einer lichten Höhe von 5,30 m und somit einem akustisch wirksamen Volumen von rund 8.190 m³.
Die Oberflächen im Kunstbau absorbieren nur wenig Schall. Die Materialität, das große Raumvolumen, die nahezu parallelen Oberflächen des Raums verstärken diese Eigenschaft, sodass sich Geräusche frei ausbreiten können. Dadurch entstehen eine lange Nachhallzeit und ein vielschichtiges akustisches Gefüge. Diese besondere Akustik ergibt sich – neben der geringen Schallabsorption der Oberflächen – aus dem großen Raumvolumen, der nahezu parallelen Struktur und der daraus resultierenden Bündelung sowie Reflexion des Schalls.
In den nördlichen und südlichen Ecken des Kunstbaus sind zwei Line-Array-Lautsprechersysteme installiert, die in engem Austausch mit Meyer Sound – einem der weltweit führenden Hersteller hochmoderner Lautsprechersysteme – speziell für dieses Projekt konzipiert wurden. Sie bestehen jeweils aus drei Subbässen und vier weiteren Line-Array-Lautsprechern, die – anders als bei der konventionellen Verwendung – mit separaten Audiosignalen angesteuert werden, jedoch im Verbund wirken. Die monolithisch erscheinenden Volumina im Raum agieren somit als mehrstimmige Ensembles von Lautsprechern, die über den gesamten hörbaren Frequenzbereich Signale mit außergewöhnlicher Phasenkohärenz und äußerst geringer Verzerrung wiedergeben – auch in Konzertlautstärke.
Die Konstellation aus der
ungewöhnlichen Architektur und der gegebenen Akustik des Kunstbaus
sowie dem besonderen Lautsprechersystem bildet die Bühne für elf
projektspezifische Sound Pieces – Kompositionen und klangkünstlerische
Arbeiten – der teilnehmenden Künstler*innen aus dem Programm "Sound und Experiment".
Neben einer Interpretation des Kontexts, in dem Flavins Arbeiten im
komplexen Feld der Minimalismen und materiellen Reduktionen des 20.
Jahrhunderts verortet sind, dient diese Auseinandersetzung als
Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit langandauernden Formen,
iterativen akustischen Strukturen, Mikrovariation, Nicht-Gleichheit,
Musterbildung und Klängen an den Rändern menschlicher Wahrnehmung –
sowie eine künstlerische Untersuchung von Raummoden, Anregungsfrequenzen
und hörbaren Reflexionen als klanglichem Material.
Die
ausgestellten Arbeiten dramatisieren Formen des Hörens und Komponierens,
die auf Differenz, Wiederholung und Reduktion beruhen und setzen
prozessuale Ansätze ein, in denen die Struktur selbst zum Träger der
Wahrnehmung wird. Anstelle dramatischer Entwicklungen oder dynamischer
Zuspitzungen liegt der Fokus auf Zuständen scheinbarer Statik, in denen
subtile Veränderungen aus der inneren Logik des Materials hervortreten.
Die Ausstellung im Kunstbau präsentiert mehrkanalige, akustische
Neuproduktionen von Sofian Biazzi, focus baby, Daniel Gianfranceschi,
Bruno Younes Haas, Jahy Hwang, Caroline Kretschmer, Bradley Leonard, Léa
Manoussakis di-Bona, Maria Margolina, Camilla Metelka und Vasilii
Vikhliaev.
Im Frühjahr 2026 erscheint eine CD mit ausgewählten Arbeiten der beteiligten Künstler*innen.
Eintritt frei
Kuratiert von Johannes Michael Stanislaus
Eine Kooperation mit dem Programm "Sound und Experiment" von Florian Hecker (Bayerisches Spitzenprofessurenprogramm – Akademie der Bildenden Künste München).
Mit freundlicher Unterstützung von Förderverein Lenbachhaus e.V.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen